Das Toninterview mit Günter Merlau & Steven Caine
(Sprecher: Günter Merlau, Torsten Michaelis)



Fragen an Günter Merlau - zum Sounddesign


Gibt es etwas, was Sie als Lieblingsgeräusch(e) bezeichnen würden?
Knarrende Dielen, Wind, der Gras bewegt, Schritte in feinem Sand, Meeresrauschen mit entferntem Sturmmöwen-Geschrei, eigene Kreationen, wie der fliegende Piranha-Schwarm in Caine 4, das rutschende Handy in Caine 3, Caines Stealth-Sound in Caine 2, Psychedelische Abfahrten in Sonne...

Bewahren Sie gewisse Effekte auf, weil Sie auf eine ganz bestimmte Situation in einem Hörspiel warten und sich diesen Effekt für diesen Moment als ultimativ vorstellen...oder wird alles Neue sofort auch verbraten wo es nur irgendwie passend ist?
Die Anforderung an das Sounddesign stellen einzig und allein die Szene, die Geschichte insgesamt und das Thema allgemein. Die Geschichte stellt eine Frage, die der Sounddesigner akustisch beantworten muss. Je ver-antwort-ungsvoller dieser ist, desto intensiver und verlässlicher ist das auditive feedback. Wir sammeln nicht irgendwelche Klänge, die wir bei der nächstbesten Szene reinschmeißen.

Was/wieviel wird denn "von Hand" gemacht?
Vieles, aber wahrscheinlich nicht das, was man im ersten Moment denken würde. Z.B. sind die Eiszauber in Drizzt 1 mit nassen Plastiktüten, die gespannt wurden gemacht worden (Inspiration war die Augsburger Puppenkiste mit ihrem Plastik-Planen-Meer), viele Monster werden mit dem Mund geröchelt, geschrieen, gekrächzt, beim Erstellen von Schnitt- und blutigen Säbelgeräuschen habe ich mir den halben Finger abgeschnitten, als ich eine Melone traktiert habe.

Was war Ihre bislang spektakulärste Aufnahme diesbezüglich?
Zu Sonne 5+6 haben wir den Schauspieler in eine Kiste gesteckt und ihn „lebendig begraben“ spielen lassen, das war sehr authentisch. Ich habe auch schon mal das Aufprall-Geräusch eines nörgelnden Kritikers mitgeschnitten, den wir aus dem dritten Stock geschubst haben. Klang aber nicht gut.

Welche Software verwenden Sie für ihre Arbeit?
Von Anfang an meines Schaffens als Musiker, Arrangeur und Hörspielproduzent arbeite ich mit dem Sequenzerprogramm Cubase von Steinberg!

Wieviele Spuren waren bisher die meisten, die Sie parallel mischen mussten?
Ich habe für die Produktion „Clockwork Orange“ im Schauspielhaus Dresden ein 40-mann starkes Orchester, einen 30-mann starken Chor, Rhythmus-Band, Elektronik, Sänger und Schauspieler mixen müssen, ohne das dabei Weltmusik-Gedudel herauskommt. Das war eine große Herausforderung von ca. 120 Spuren.

Günter Merlau
Foto (c) Lausch









Wie sieht denn überhaupt der Ablauf aus, nachdem Sie das Studio zur Aufnahme betreten haben.
Bei Aufnahmen mit Schauspielern ist es meist so:
Ich (wir) begrüße(n) den Schauspieler und biete(n) ihm einen Kaffe an, der nimmt aber immer ein Glas Wasser. Nach einem kurzen Plausch über Umweltkatastrophen, Energiekrise und Weltkriege schlendern wir langsam Richtung Aufnahmekabine.
Dort richte ich dem Schauspieler sein Mikrophon und das Notenpult ein, das ist quasi ein ritueller Vorgang, der die dienliche Aufgabe des Regisseurs für den Schauspieler symbolisiert. Ich bin im Moment der Aufnahme die Sicherheitsleine für den schauspielernden Akrobaten, der sich Dinge trauen kann, Sachen ausprobieren, die ich jederzeit abfangen, aushalten und verantworten muss. Darauf verlassen sich die Schauspieler bei uns und wurden bisher hoffe ich nicht enttäuscht. Gemeinsam erarbeiten wir den Text, wobei der Schauspieler immer schon sehr gute Vorschläge hat und ich meistens nur korrigierend einwirken muss. Die Entscheidung für den Charakter der Rolle ist meist schon mit der Besetzung gefallen.

Wie lange bzw. wieviele Anläufe braucht es normalerweise, um eine Szene so zu haben, wie Sie sich sich das vorstellen.
Eine Szene wird immer und immer wieder verbessert und weiter ausgestaltet. Allerdings sind das gute Drehbuch und die authentisch eingefangene schauspielerische Leistung entscheidend. Kein Effekt kann das ersetzen. Ich denke eine Szene hat zwischen 10- und 20 Arbeitsgänge und drei große Blöcke.
I Block: Dialoge editieren und anlegen
II Block: Grundatmos, Schritte Bewegung
III Block: Abstraktionen und Musik

Worin liegt der eigentliche Unterschied in der Qualität des Sounds im fertigen Endprodukt? Also wieso klingt es in einem Hörspiel einfach bombastisch und alles passt und in nem anderen wie gewollt und nicht gekonnt? Ist halt der eine Soundmokel teurer, weil er die bessere Anlage etc. benutzt oder wie ist das genau?
Hat gute Musik mit teurem Equipment zu tun? Ich denke in erster Linie hat es mit einem guten Musiker zu tun, der sein Instrument beherrscht, d.h., der es schafft seine Gefühle und Ideen über eben dieses Instrument auszudrücken. Unser Sound ist das Ergebnis von jahrelangem Suchen, Finden, Verwerfen und Experimentieren auf den unterschiedlichsten auditiven Schlachtfeldern. Die Authentizität und Komplexität unseres Klanges ist eine auf 5-6 Ebenen stattfindende Komposition von Stimmen, Geräuschen und Musiken, ähnlich dem Orchestrieren eines Orchesters.

Kommt es eigentlich mal vor, dass man im Alltag über ein Geräusch stolpert und sich denkt: "Mensch, das brauch ich unbedingt noch."?
Es kommt im Alltag öfter vor, dass man denkt: „Mensch auf dieses nervtötende Geräusch könnte ich jetzt echt gut verzichten.“ Ansonsten geht es gar nicht so sehr um „Geräusche“, sondern um Gefühle, die sich durch Geräusche, Musiken, abstrakte Klänge oder auch durch Pausen vermitteln lassen. Ich bin ein Geschichten-Komponist und kein Geräuscheschieber.

Wie bedeutsam ist die Rolle von Musik und Effekten in einem Hörspiel Ihrer Meinung nach?
Das hängt vom Macher des Hörspiels ab. Es gibt Produzenten, die sehr sparsam mit allem umgehen und grandiose Dichte erzielen, andere stellen auch mit 10 Tonnen schweren Spezialeffekten keine emotionale Spannung her. Ich kann es nur wiederholen, es geht nicht um Geräusche und Effekte, sondern um Geschichten! Ob man diese Geschichten mit Big Band, Punkband, Blockflöte oder Fußgängerzonen-Indios erzählt, ist eine Entscheidung des Produzenten.

Würden Sie sich bei Hörbüchern auch verstärkt den Einsatz solcher Stilmittel wünschen?
Ja! Ich werde sogar nächstes Jahr erste Vorschläge zu diesem Thema machen! Stichwort: PUNKTOWN.